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Nein, sie bestellte nichts zu essen. So viel Geld konnte sie vom Haushaltsgeld nicht abzweigen, aber sie konnte in dieser gediegenen Atmosphäre zwei Stündchen ganz still in einer Ecke sitzen und ein Wasser trinken, das ihr in einer tiefblauen Flasche auf einem silbernen Tablett von einem befrackten Kellner gebracht wurde. Sie gab dem Kellner jedes Mal ein kleines Trinkgeld, und er ließ sie in Ruhe sitzen. Sie schaute den vielen Damen und Herren zu, wie sie sich bewegten, ein- und ausgingen, mit welch selbstverständlicher Gelassenheit sie miteinander verkehrten. Welch ein Unterschied zu ihrem Herbert! Beim letzten Mal hatte sich einer dieser eleganten Herren zu ihr an den kleinen Biedermeiertisch gesetzt, vorher höflich gefragt, ob er denn auch Platz nehmen dürfe. Er stellte sich formvollendet vor, spendierte ihr noch ein Wasser. Sie kamen ins Gespräch. Langsam taute sie auf und kam sich im Gespräch nicht mehr so einsam und ausgeschlossen vor. Sie begann munter draufloszufabulieren und verlebte einen unterhaltsamen Nachmittag. Hannelore bedauerte sehr, dass sie nicht öfter so ein gutes Gespräch über ernste und heitere, sachliche und vergnügliche Themen hatte. Doch hier in der Hotelhalle kam es leider selten vor, dass jemand genau wie sie Zeit hatte. Da fiel ihr eine Karte ins Auge, die auf dem Tisch lag:
Check in, ins virtuelle Hotel LifestyleBiz ... ... in dem wir mit Charme und Köpfchen die Zukunft erobern – und wertvolle Partner und Freunde finden… be part of it. Hannelore steckte die Karte ein und fuhr seufzend nach Hause. Herbert kam bald von der Arbeit. Sie musste noch das Abendessen richten und das Bier anwärmen. Am nächsten Morgen, Herbert war gerade aus dem Haus, fiel Hannelore beim Aufräumen der Handtasche wieder die Karte in die Hand. Sie setzte sich an Herberts Computer. Er hatte ihr gezeigt, wie sie ihn anschalten und online gehen konnte. Nach einer Weile fand sie den Knopf. Leise surrend begann die Maschine zu laufen und der Bildschirm wurde bunt. Zum Glück hatte Herbert die Bedienung einfach eingerichtet, so dass sich Hannelore problemlos zurechtfand, obwohl sie bisher nur zugesehen hatte. Hannelore wählte die auf der Karte angegebene Adresse: Sie checkte ein, meldete sich mit ihrem Namen an. Die kleine Gebühr, die sie dafür jeden Monat zahlen sollte, war ihr recht. So konnte Hannelore ganz sicher sein, dass Herbert diese Adresse nie finden würde: er schimpfte über alle, die für ihre Angebote Geld haben wollten. Staunend saß Hannelore vor dem Bildschirm und las erst einmal die vielen interessanten Beiträge. Als Herbert an diesem Abend nach Hause kam, saß Hannelore noch immer vor dem Computer. Sie hatte neue Freunde gefunden. Herbert? Wer ist Herbert?
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Hannelore nutzte seitdem jeden Donnerstag. Sie schlüpfte in elegante Kleidung, deren Existenz Herbert unbekannt war – Hannelore hatte das Haushaltsgeld nicht immer ganz korrekt abgerechnet. Sie spähte, ob nicht irgendwo ein Nachbar zu sehen war, schlich vorsichtig aus dem Haus und flitzte zum Bus. Dieser brachte sie zum Stadtrand, sie stieg aus und betrat das elegante Hotel.